Kurzbiographie von Erwin Horning
Ich bin 1931 in Arzis Bessarabien geboren.
Wer sich etwas mit Erdkunde beschäftigt, weiß wo das Land liegt. Das heutige Moldavien mit der Hauptstadt Kischinew und dem südlichen Teil Bessarabiens bis ans Schwarze Meer, das zur Ukraine gehört.
Unsere Vorfahren sind um 1814 und später aus dem Schwabenland, Hessen, Rheinland usw., nach Bessarabien ausgewandert. Einige Gruppen kamen vom Norden Deutschlands über Polen nach Bessarabien.
Bessarabien gehörte bis zum ersten Weltkrieg zu Rußland, danach bis 1940 zu Rumänien. Als die Sowjets Bessarabien besetzten und die Rumänen raus mußten, war unser Glück, daß wir, betr. Vereinbarungen zwischen Deutschland und der damaligen Sowjetunion, nach Deutschland umsiedeln durften.
Ich war damals neun Jahre alt als wir nach Deutschland übersiedelten. Ein Jahr Umsiedlungslager im Erzgebirge und sieben Monate in Polen, bis meine Eltern und viele andere Familien aus Bessarabien in Westpreußen und Warthegau angesiedelt wurden.
Meine Eltern bekamen eine Landwirtschaft. Dies zu schildern wie alles zuging, müßte man noch auf besonderen Seiten niederschreiben.
Die Flucht im Januar 1945 mit Pferdewagen durch Hinterpommern, waren eine Reise von drei Wochen. Kälte und Schnee machten uns zu schaffen und manchmal nicht weit die Russen mit ihren Panzern im Nacken, hatten uns physisch und psychisch sehr mitgenommen, bis wir endlich in Mecklenburg, Gegend Müritzsee, angekommen waren.
Durch die Umsiedlung nach Deutschland, Lagerleben, Flucht, Kriegsende, war mir viel Zeit verlorengegangen. Die knapp drei Jahre Schulbesuch in Westpreußen und ein Jahr in Bessarabien, waren zu wenig um damit durchs Leben zu kommen. Wer hatte damals schon ans Lernen, an Schule gedacht in jenen wirren Zeiten. Durch eigenen Fleiß habe ich mich selber geschult, nachdem ich schon 14 Jahre alt war. Meine Eltern siedelten in Mecklenburg durch die Bodenreform. Güter wurden aufgeteilt und so hatten viele Tausende Flüchtlinge einen neuen Anfang gemacht. Leben, Frieden, neuer Anfang war doch das Wichtigste für die Menschen.
Mit knapp einundzwanzig Jahren heiratete ich Hildegard Siedow, deren Eltern aus dem Warthegau stammen. Recht bald kam ein Kind nach dem andern, bis es sieben wurden. Einen Beruf erlernen, damit war die Zeit schon längst vertan und so hatte man hier und dort Gelegenheitsarbeiten getan und letztlich sind wir in der Landwirtschaft hängen geblieben. Anfang der sechziger Jahre wurden in der DDR nicht nur die Landwirtschaft kellektiviert, sondern Deutschland durch Mauer und Stacheldraht getrennt. Das war der größte Schmerz unserer Seelen. Das Leben aber mußte weiter gehen.
Ich fing an, mich mehr für die kirchliche Arbeit zu interessieren, bis mir nahe gelegt wurde, ein Theologiestudium aufzunehmen; denn Pastoren seien zu wenig. Die Kirchengemeinden brauchen Mitarbeiter. So entschloß ich mich, im Einverständnis meiner Frau, eine Theologiestudium im Berliner Missionshaus, Predigerseminar, aufzunehmen. Es waren schwere Jahre nicht nur für mich, sondern auch besonders für meine Frau, die mit den Kindern die meiste Last zu tragen hatte.
Mit Gottes Hilfe haben wir es geschafft. Die erste Pfarrstelle in Ostmecklenburg auf dem Land, mit ungewisser Zukunft, haben wir es gewagt. Es waren schöne Jahre, trotz aller Widerwärtigkeiten und Behinderung des DDR Staates, besonders durch den Staatssicherheitsdienst. Nach acht Jahren wechselte ich mit meiner Familie die Pfarrstelle nach Westmecklenburg. Wieder gingen zehn Jahre ins Land. Das Leben eines Pastors in der DDR waren keine Schleckerjahre. Mit kleinem Gehalt und viel Arbeit und Mühe, hatten wir uns durchs Leben geschlagen. Aber es waren segensreiche Jahre und ich möchte keine Zeit davon wegstreichen. Vielleicht komme ich noch einmal dazu, meine Memoiren zu schreiben. Es gäbe viel zu erzählen.
Mit 58 Jahren hatten mich die vielen freien Pfarrstellen, die mit zu betreuen waren, geschafft. Sonntäglich zwei bis drei Gottesdienste, Kinder-und Konfirmandenarbeit, Frauenarbeit, Posaunenchorarbeit, Haus-und Krankenbesuche, Trauungen, Taufen und die vielen Beerdigungen, auch auf den frei gewordenen Pfarrstellen. Die Überbelastung war zu groß und die Kraft zu klein. Ich mußte in den Vorruhestand gehen.
Als Vorruheständler durfte ich mit meiner Frau 1989 aus der DDR ausreisen. Ein Jahr im Württembergischen bei meinem Bruder untergekommen und danach seit 1990 in Mölln wohnend. Nun hatte ich viel Zeit über mein Leben und all unserem Schaffen nachzudenken.
Die Reisen in die Ukraine und Polen haben mich angeregt, alles festzuhalten und meine Phantasie walten zu lassen. Ich möchte mehr hineinwachsen ins Schreiben. Vielleicht ist manches dabei, nicht nur aufzuzeichnen, sondern es auch zu veröffentlichen. Geschichten, Erlebnisse, wie viele es von uns erfahren haben.
© by Erwin Horning, Mölln
Lesen Sie bitte Auszüge aus der Geschichte
"Doch das Heimweh bleibt".
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