B r o t - kein Wegwerfartikel
Unser geliebter "Familien-Onkel" Wilhelm stand vor seinem 80. Geburtstag. Er war das "Goldstück" aller. Überall war er einsetzbar,
ob als Babysitter, Elektriker, Installateur, Onkel Wilhelm war immer bereit und vor allem immer g e r n bereit zu helfen.
Sein Geburtstag sollte ein großes Fest werden. Kinder, Enkel, Nichten, Neffen, es war ein gewaltiges Aufgebot, das da bei uns hereinmarschierte,
denn das war Onkels Bitte: In unserem größeren Haus sollte die Zusammenkunft aller stattfinden. Und alle kamen, keiner fehlte. Und wie es so ist
an großen Festtagen, die Unterhaltung floß wie ein reißender Strom. Jeder hatte etwas zu erzählen.
Ich beobachtete die ganze Sache aus meinem Lehnstuhl, denn auch ich war nicht mehr weit von den Achzigern entfernt.
Onkel Wilhelm führte lange das Wort und erzählte von Krieg und Nachkriegszeit, von Hunger und Entbehrungen, von Aufbau und dem Weiterleben.
Was mir dabei auffiel waren die unterschiedlichen Gesichter der Zuhörer. Die Jugend langweilte sich, wie sich Jugend schon immer gelangweilt hatte,
sobald die Älteren "von früher" erzählten. Das sogenannte "Mittelalter" der Zuhörer war rege interessiert und stellte viele Fragen. Ein
besonderes Gesprächsthema von Onkel Wilhelm war sein Zorn über die offensichtliche Verschwendungssucht unserer Generation. Er konnte nicht
verstehen, wie man heutzutage kiloweise Brot wegwirft, anstatt es zu sammeln und Tiere damit zu füttern. Brot, unser Grundnahrungsmittel, wie
wenig hatten wir davon im Krieg, wie heißhungrig kauten wir es damals, auch ohne Belag und trocken. Es half uns immer wieder und gab Kraft zum
Weitermachen.
Es wurde dämmrig und das Abendessen wurde serviert. Und hier nun geschah etwas, was bislang wohl niemand für möglich gehalten hätte. Onkel
Wilhelm statuierte ein Exempel: Er ging zum Abfalleimer und holte langsam zwei, drei Scheiben Brot aus dem Kübel, die kurz zuvor für "alt"
befunden dort hineingeworfen wurden. Ganz ruhig ging er auf seinen Platz, legte etwas Käse auf seine Brote und aß sie langsam und genüßlich.
Die ganze Familienbande startte ihn an und siehe da, es flossen sogar Tränen aus Scham und aus dem Erkennen was Onkel Wilhelm damit sagen wollte.
Recht hat er, Brot ist unsere Lebensgrundlage und kein einfacher Wegwerfartikel.
Ich denke, viele in der Familie haben diese Geste begriffen und daraus gelernt.
© by Christa Lischka
|