Wider das Vergessen
Da stehen wir nun, wir alten Jahrgänge - kurz Gruftis genannt. Ein wenig respektlos zwar aber nicht bösartig, wir wissen das, ach, wir wissen viel! Erinnern wir uns an die Zeit, in der wir - so wie die heutige Jugend - ungebunden und froh, sorglos und erwartungsvoll lebten.
Doch lange war uns diese Zeit ohne Last und Verantwortung nicht gegönnt, es donnerte der Krieg über unsere Jahrgänge. Von den Einschränkungen unseres Lebens durch Lebensmittelkarte und Bezugscheine soll hier nicht berichtet werden, das ist alles bekannt, ich möchte von den schwersten Tagen in meiner Heimatstadt Breslau (Hauptstadt von Niederschlesien) - jetzt poln. Wrozlaw - berichten.
Die sogen. Gauleitung ließ sich damals stets etwas einfallen ; so zauberte sie aus dem Hut einen Schriftsteller namens Venatier (franz. ausgesprochen) und i n dessen Buch - oh Wunder - erschien ein "Vogt Bartold " , der angeblich dieses schöne schlesische Land gegründet hatte. Aber hoppla, das war uns neu (er hat das wohl eher erfunden!) Lange Zeit zum Wundern hatten wir nicht, denn flink wurde das "Unternehmen Bartold" quasi aus dem Boden gestampft und wir jungen Menschen - meist waren es ja die Mädchen, weil die Buben zum Schießen geschickt wurden - mussten mit Spaten und Schaufel an Wochenenden zum Schanzen ausrücken, um Schützengräben für die Soldaten und Panzergräben zu schaufeln. Ohne Bezahlung natürlich, das war alles eine Sache der Ehre für das Volk. - Ein Unsinn im Quadrat war es. Beispiel: ein pensionierter Lehrer und 10 Mädchen bildeten eine Gruppe und ab gings zum Schippen. Wenn wir mit unserem Tun fertig waren und die Faschinen (Tannenreisig zur Befestigung der Wände dieser Unterstände) anbringen wollten, kam der "Herr Lehrer" mit seinem Zollstab und stellte meist fest, dass noch 1 cm Sand abgetragen werden mußte an den Wänden dieser "Bauten" und wir mußten nacharbeiten. Jaja, der Herr hatte seine Weisungen!. Selbstverständlich waren diese Mühen - wie sich später herausstellte - unnötig, nie ist ein deutscher Soldat durch diese Gräben gelaufen und unsere Arbeit war daher sinnlos, unbezahlt und " für die Katz".
Als sich der Krieg unweigerlich seinem Ende näherte, wurden wir Breslauer per Plakat aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Na herrlich - wohin?
Ich sah das alles damals - a l s junges Mädchen - als ein Abenteuer an nach dem Motto "wird schon wieder - wir kommen bald wieder heim" Oh j a , es ging vorbei - aber wie?
Erst viel später habe ich begriffen , was meine Eltern verkraften mußten: eine große 4-Zimmer-Wohnung mit allen Erinnerungen eines langen Familienlebens zuschließen auf Nimmerwiedersehen, nur mit Rucksack und einem Federbett auf einen Lastwagen und raus aus der gefährdeten Stadt und die völlige Ungewißheit.
Wie wir danach erfahren mußten, ließ der Breslauer Gauleiter Handke für ein Rollfeld , auf dem er "rechtzeitig" abfliegen wollte, eine breite Schneise explosionsartig von der Kaiserbrücke zum Scheitniger Stern schlagen und alle Häuser rechts und links - auch mein Elternhaus - wurden dafür geopfert...
Zurück zur Fluchtgruppe. Wir wurden mit der "letzten Reichsbahn" i n den Westen transportiert. Keine Polsterklassen, nein, es waren üble russische Transporter, in denen wir befördert wurden, d.h. rechts und links an den Wänden schmale Bänke, keine Toiletten, kein Waschwasser, - ein Kanonenofen im Raum, auf dem die Mütter die Windeln ihrer Babys auskochten (i n welchem Topf, ist mir heut noch schleierhaft).
Sobald der Zug auf offener Strecke hielt, sprangen die Menschen aus den Waggons, um hinter den Büschen ihre Notdurft zu verrichten . Und genau i n diesen Augenblicken kamen sie, die Tiefflieger..... der Wirrwarr war perfekt.
Und dann landeten wir irgendwo in einer deutschen Stadt, die wir bislang noch nicht kannten, wurden in Massenunterkünfte gesteckt zusammen mit Katzen, Hunden und Papageien, den diversen Haustieren der Flüchtlinge. Ein Haufen Versprengter - ohne Hoffnung und ohne Hilfe. Jeder mußte für sich versuchen, aus diesem Dilemme herauszukommen. Wohl dem, der irgendwo Verwandte oder Freunde hatte.
Zwischen all diesem Durcheinander erlebten wir auch noch etliche Luftangriffe in fremden Kellern in einer fremden Stadt. Es war so unendlich viel Leid um uns und in uns.
Doch es ist eigenartig mit uns Menschen, wir können noch so sehr gebeutelt werden, trotzdem sehen wir immer wieder das bekannte Licht am Ende des Tunnels, ob es nun Vernunft, Glaube oder Hoffnung ist, wir Menschen "schaffen" immer wieder, den Schritt in den Neuanfang!
© by Christa Lischka
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