Hella Rodewald


Frau Käthe spricht mit Hanna

Da sitzt sie, die weißhaarige alte Dame, ein wenig vornüber gebeugt, das Leben in diesem Café beobachtend.

Sie lächelt und ich sehe ihr an, daß sie gesprächsbereit ist, einiges sagen möchte. Ich bin gleichfalls allein, also setze ich mich zu ihr und spreche sie an.

Nun erzählt sie von ihrer Enkelin, die im Studium steht, von ihren Kindern und ihrem zurückgezogenen Leben. "Wissen Sie, es ist eigentlich erholsam, keine Verpflich-tungen mehr zu haben, nur für diesen einen Tag, der angebrochen ist, da zu sein" meint sie nachdenklich.

"Erstaunlich ist es für mich als ältere Person, zu sehen, wie selbständig und tüchtig unsere Kinder ihr Leben meistern. Wo ist die Zeit hin, eben noch gingen sie an unserer Hand, die kleinen Strampelchen und fragten Gott und die Welt über das Leben und jetzt? Es ist für diese Generation nicht einfach aber sie packen die Probleme an und siehe da, sie schaffen es. Dafür bin ich dankbar und lebe zufrieden. Auch wir hatten ja diese harten Zeiten und haben sie gleichfalls geschafft.

Es gibt nur etwas, das mich ein wenig kränkt, wenn die eigenen Kinder mich hin und wieder wie ein Kind behandeln. Schauen Sie, wir sind in unserem Alter doch durch-aus noch in der Lage zu atmen, zu gehen, zu denken und zu handeln! Wir wollen - wie jeder andere jüngere Bürger behandelt und angesehen werden. Auch wenn wir hin und wieder etwas langsamer gehen - aus reiner Vorsicht - langsamer reden und "schalten", so haben wir unsere 5 Sinne noch gut beisammen und sind verärgert, wenn wir wie die kleinen Kinder abgetan und manchmal sogar bevormundet

werden. Am schlimmsten ist das "verbessert werden", kaum sagt man etwas, gibt es eine profunde Gegenargumentation. Nun gut, sie mögen manchmal recht haben, diese unsere "Kinder", aber muß das immer gleich so knallhart gesagt werden, kann man es nicht ein wenig freundlicher ausdrücken oder auch mal schweigen? Diese Art der Jugend ist oft sehr kränkend.

Wissen Sie, wenn wir einmal "soweit" sein werden, daß der .Alltag nicht mehr gut "machbar" ist, dann strecken wir sicher die Hand aus und lassen uns führen so wie wir früher unsere Kinder liebevoll geführt haben, aber vorher bitte mehr contenance seitens der Jugend, wir können nämlich noch vieles und merken - leider - auch alles."

Als wir auseinandergehen gibt es das Versprechen eines nächsten Treffs im Café. Ach ja, man kann als jüngerer Mensch viel mit "rübernehmen" von den älteren Mitbürgern, viele Lebensweisheiten und Erkenntnisse. Die Jugend sollte nicht alles, was ältere Menschen - oft nur leise oder leicht mahnend sagen, überheblich abtun. Denn nur wenige Schritte, wenige Jahre und die heute Jungen sind die Alten von morgen, das Leben ist ein Rad, es wiederholt sich alles.

"Hallo", ruft eine muntere Stimme neben mir. Ich stutze - tatsächlich, es ist die alte Dame, die ich hier schon einmal traf im Café, es scheint ihr Stammcafé zu sein. Ich finde noch Platz neben ihr und wir plaudern wie alte Bekannte über dies und jenes, über Mode und Film. Dann frage ich sie verschmitzt, ob sie inzwischen wieder eine Altersweisheit erkannt hat. "Oh ja'' sagt sie und lacht mich an. "Wissen Sie, ich habe letztens meinen Kindern sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß sie nicht immer an mir vorbeireden und sich unterhalten sollten, ohne mich einzubinden in ihre Gespräche. Ich bin ja keine Mutter, die ständig auf der Matte der Kinder steht, ich komme selten zu Besuch und da möchte ich halt nicht abseits stehen - bzw. sitzen - haha!

Diese geliebte Bagage redet und redet - oft leise - zueinander gewandt und ich sitze dabei, allein und verstehe nichts. Wie gut wäre es, wenn sie mich gleich einbe-ziehen würden und nicht an mir vorbei, sondern zu mir sprechen würden. Auch wir Alten haben noch einiges zu bieten - anzubieten - wenn man mag. Warum wird so wenig Gebrauch davon gemacht? Sind wir wirklich nur noch "Zuschauer"? Ich will gefragt werden und ich freue mich, wenn meine Meinung wenigstens überdacht wird, wenn auch nicht angenommen!"

"Ach ja, zu diesem Thema könnte ich noch viel berichten" sagt sie leise und ich frage nach "zu welchem Thema genau?" "Nun, ich weiß nicht, ob es Sie als jüngeren Menschen interessiert aber wir Alten können doch einiges berichten aus unserem bunten Leben. Älter werden ist doch ein Teil des Lebens eines jeden Menschen. Man sollte das Alter nicht tabuisieren. Schauen Sie, wie schnell machen die jungen Leute heute "Schluß" miteinander, ziehen hier aus und dort wieder ein. So einfach scheint dieses neue Leben. Beobachten Sie die alten Menschen, sie halten sich an den Händen, sie schauen sich in die Augen, sie hören einander zu !Ich glaube, die Jugend in dieser schnellebigen heutigen Zeit kann das gar nicht mehr - da gibts die "One-Night" und diesen ganzen Kram, aber keine Beständigkeit und vor allem:
wenig Disziplin dem eigenen Leben und dem des anderen gegenüber. Liebe ist doch etwas so Wunderschönes, Einmaliges - in jungen Jahren genießt man es förmlich, es ist doch wie das Streicheln der Haut, die empfindsam und gern reagiert aber im Laufe der Jahre geht dieses Gefühl unweigerlich verloren, da muß aber etwas ge-wachsen sein, das zusammenschweißt. Diese Ungeduld der jungen Menschen erschreckt mich oft."

Ich höre und staune und begreife - - ja, sie hat recht, meine liebe weißhaarige Dame - man sollte viel mehr zuhören bei den Älteren, wir wären um einiges klüger.

Wenige Tage später traf ich meine Gesprächspartnerin wieder am bekannten Ort, ich schätze sie auf 70 Jahre. Sie ist eine Dame und hat diese "Schätzung" freundlich lächelnd - kommentarlos - zur Kenntnis genommen. Vielleicht ist sie noch gar nicht 70 oder schon älter? Man muß es nicht zerpflücken.

Heut sah sie ein wenig kummervoll aus und ich fragte gleich direkt "was gibt es, irgendetwas stimmt doch nicht?"

"Na ja" meinte sie, ich werde es Ihnen gleich erzählen aber zunächst wollen wir doch unseren aromatischen Kaffee genießen und Sie dürfen mich gern "Frau Käthe" nennen, damit unser Zusammensein ein wenig persönlicher wird. Ich nahm dieses Angebot überrascht und freudig an und stellte mich als "Hanna" vor. Also, Hanna, hier die nächste Weisheit: "Liebe im Alter". Ein vielbesprochenes Thema in allen Medien.

Doch echt darüber reden können doch eigentlich nur die Betroffenen, eben die Älteren - wer kann es sonst nachempfinden und es ist ein "empfindliches" Thema zwischen Jung und Alt. Wie ist das also?: über eventuelle Beziehungskisten - so heißt das doch jetzt? Ja ja, ich bin modern geworden - also über solche Kisten des Vaters oder gar der Mutter, die verwitwet sind und oft auch schon Großeltern - gehen die Jungen lächelnd hinweg. Das ist kein Thema für sie. Die gleichen jungen Menschen, die vor einigen Jahren noch eifrig bemüht waren, ihren neuen Partner daheim vorzustellen in der bestimmten Erwartung, daß er - oder sie - mit offenen Armen aufgenommen wird. Sie sprachen voller Anerkennung und Liebe von diesem neuen Partner und wollten die Zustimmung der Eltern, die sie ja auch stets bekamen, ganz gleich, wie viele Beziehungen da antanzten. Und nun? Auch die alten Single wollen angesprochen werden auf i h r e Beziehung, denn das wissen doch - angeblich - alle:

Liebe gibt es in jedem Lebensalter - aber meist sieht es doch so aus, als sei dieses Miteinander der Alten und ihre neue Partnerschaft der Jugend nur peinlich und dabei könnten sie doch ganz zufrieden sein, denn die jung gebliebenen Alten fallen ihnen nicht zur Last, sie helfen sich gegenseitig und bleiben mit ihren Problemen und Ansichten außerhalb der Gedanken und Weltanschauung der Jungen. Daher bin ich der Meinung, mehr miteinander, mehr nach dem Partner des Vaters oder der Mutter fragen mehr Zustimmung für diese Entscheidung der Älteren - die diesen ja auch oft nicht leicht fällt - mehr Freundlichkeit gegenüber dem neuen Familienmitglied, mehr Hilfe zur Integration des "Neuen", denn auch die Jungen werden älter und das hurtig von Tag zu Tag - wie leben s i e dann, welche Zustimmung brauchen sie später einmal? Wissen Sie, Hanna, ich will einfach mehr g e f r a g t werden, wie es mir geht, wie es "ihm" geht, was wir unternehmen, wie wir uns fühlen. Ich möchte mehr Zustimmung für meine Entscheidung, die mir ja auch nicht leicht fiel. Ich habe so eine Entscheidung vor einigen Jahren getroffen - mit über 70 Jahren - es war eine reine Altersfreundschaft und sie ist gut und haltbar und erfrischend - deshalb bin ich so enttäuscht, daß meine Kinder so wenig auf meine neue Verbindung einge-hen oder mit uns darüber reden. Erst wenn sie selbst einmal im Alter vor dieser schweren Entscheidung stehen, werden sie begreifen wie wichtig - auch im Alter - das Reden über persönliche Dinge mit der Familie ist"

Ich glaube der liebenswerten Frau Käthe diese Worte und Erkenntnisse und werde sie mit hinübernehmen in meinen Tageslauf, auch ich habe ältere Freunde, die ein Pendant gefunden haben - nun weiß ich von einer "Expertin" was zu tun ist. Danke.

© by Hella Rodewald, Rottweil
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