Hella Rodewald


N u l l - Bock: Falten!

Mein fünfjähriger Enkel war schon an vielen meiner Entscheidungen maßgeblich und positiv beteiligt. Nachdem er aus dem Zeitalter der "Dingsda"- Beschreibungen heraus war, konnte er sehr genau "bekanntgeben"' was er für diese Welt empfand bzw. wie er sie zu verbessern wünschte.
- Die Welt hat vieles noch nicht erfahren . . . aber ich, seine Omi, sehr wohl.

Dies geschah:
Weihnachten wurde mir von einer Freundin eine selbst gebastelte schwebende grauhaarige faltige Brockenhexe, auf einem Besenstiel reitend, geschenkt. Soweit so gut. Sie schwebt seitdem im Durchgang meiner Küche zur Speisekammer.

Bislang stellte ich eigentlich keine spiegelbildliche Ähnlichkeit zwischen ihr und mir fest; mein kleiner Knirps allerdings echote letzt voller Bestimmtheit, nachdem er diese Dame genau beäugte, "Omi, die kuckt aus wie Du".

Wie sagt das Sprichwort - "Kindermund tut Wahrheit kund" - und mein Unterbewußtsein grinste dazu. Schwupps war die Alarmglocke in mir endgültig gezogen, denn mit meinem langsam ansehnlich werdenden Faltengeknitter zwischen Nase und Ohren stand ich sowieso seit langem allmorgendlich vor dem Badezimmerspiegel im Kampf.

Nun also nochmals (zum wievielten Mal wohl in den letzten Jahren?) eine kritische Bestandsaufnahme vor dem Kosmetikspiegel. O weh, d a s sollten noch Lachfalten sein? Da gab's nichts zu lachen, wie das Äußere einer Backpflaume empfand ich diese "Lebensrunen" und - oh Schreck - unterhalb des Kinns hingen bersits kleine "Klößchen" abwärts - sie erinnerten mich an die kleinen bunten Apfelklipps, die spielerisch für Balkon- und Gartentischdecker angeboten werden, um bei Sturm das Tuch festzuhalten. Was sollten sie aber in meinem Gesicht? Ich suchte und fand natürlich immer mehr "Ungeheuerlichkeiten".

Einige Minuten Denkpause, dann das Telefonbuch her und in der schon lange für solche Eingriffe in die Faltenstruktur bekannten Klinik angerufen.
Das war die "Tat" von Minuten.
Ich bekam einen Besprechungstermin, packte dabei wiederum allen Mut zusammen und bat sogleich um einen Operations-Termin, denn wenn schon der 1. dann auch der 2. Schritt, sonst gibt es nur Stillstand.

Nach 14 Tagen war es so weit. Frage mich niemand, wie ich diese 14 Tage zuvor überstand!! Ein ständiges seelisches Wschselbad diktierte mir heut:
"Du bist verrückt, wenn Du es tust"
-
und am nächsten Tag: "Du bist verrückt, wenn Du es nicht tust" . . .
Immer wieder neue Fragen an den geduldigen Arzt per Telefon, immer wieder Zweifel, ob die Angst nicht doch größer als der Mut sein wird. Und zuletzt: Denn schließlich trage ich ja im wahrsten Sinne des Wortes meine "Haut zum Markt" an einer Körperstelle, die unübersehbar ist.

Als der ''Tag X" kam, schob ich meine körperliche Hülle, die ja bekanntlich zu 80 % aus Wasser besteht (die restlichen 20% waren pure Angst) heldenhaft vor mir her in Richtung Klinik. Es war eine feine kleine Klinik, nur für solche"Zwecke"- mit teppichbodengedämpfter Atmosphäre, stilvoll und gepflegt. Nachdem mir meine Kemenate zugewiesen war, legte man mir still ein "Merkblatt" vor, das meine überquellende Angst der vergangenen Woche brutal wieder ins Rampenlicht des Beschehens rückte.
Zitternd seh ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Mein Zimmer lag im Hochparterre - - sollte ich? Nein, ganz so feig' geht's nun doch nicht.

Also marschierte ich wieder zum Empfang und erklärte, daß ich aufgrund intensiven Lesens des Merkblattes die Befürchtung hege, evtl. ein Dauergast in diesem Haus zu sein, denn der "Zwischenfälle" gäbe es ja genug, wie geschildert wurde. Die liebenswerte, feingliedrige junge Dame am Empfang lächelte überirdisch in mein verwirrtes Schauen und versuchte, mich zu beruhigen dergestalt, daß diese "Merkblätter" so zu sehen seien, wie die Beipackzettel von Arzneimitteln, dort steht ja auch - als Absicherung - jede nur irgend mögliche oder unmögliche Situation. Die junge Dame meinte weiter lächelnd, daß diese Reaktion, wie ich sie jetzt zeige, jede Frau erwischt, wenn sie erstmal so mutig war, herzukommen.

Kurz und gut, nachdem mein Blutdruck bedenkliche Höhen anzeigte, bekam ich eine rosa Beruhigungspille (rosa ist sowieso meine Lieblingsfarbe) und schon wurde es besser. Der sehr mitfühlende und freundliche Doktor kam mich dann in meiner "Einzelhaft" besuchen, erklärte mir nochmal, daß dies eine "rein äußerliche OP" mit einem leichten Dämmerschlaf sei und kein Eingriff ins "feste Gefüge" wie bei anderen körperlichen Operationen und daß meine Sorge völlig unbegründet sei. Ob nun seine freundiiche Rede oder die rosa Pille es bewirkte, ich blieb und wanderte nicht aus. Ich schlief sogar gut ein und am nächsten Morgen, nachdem mir mit einem Desinfektionsmittel der Kopf gewaschen wurde, marschierte ich "festen Schritts" in den OP-Raum, setzte mich brav als ergebene Delinquentin meiner eigenen Courage auf den OP-Stuhl, eine Einspritzung am Handgelenk und 2 Tabletten sorgten in Windeseile dafür, daß ich auf einer rosaroten Wolke entschwebte.

"Wir können anfangen" hörte ich noch den Petrus - weit weg sagen - und ebenso "weg" war ich. Nur das automatische Blutdruckpumpen und hin und wieder ein "Rascheln" empfand und hörte ich. Als man mir sagte, ich möge auf mein Bett, das man inzwischen aus meinem Zimmer brachte, "umsteigen" wurde ich wieder halbwegs wach.

Langsam kam die Freude auch zum Erwachen: hast wiedermal was geschafft, hast nicht schlapp gemacht, hast Deine Kummerfalten weggeblasen, danke "Petrus"!

Nun ging alles in Blitzesschnelle: am folgenden Tag wurde der Verband gewechselt, am nächsten die kleine Drainage entfernt - alles wiederum völlig schmerzlos - am 3. Tag packte ich mein Bündel und fuhr erleichtert heim, zwar noch um einiges geschwollen, also recht "wohigenährt", am Hals einen blauen Fleck aber das alles ist ja völlig unwesentlich und geht bald vorbei.

Warum ich dies hier schrieb?: Damit diejenigen, die ähnliches vor haben von einer "Freundin" erfahren, was sich hinter diesen Gesichtsstraffungen "verbirgt" und daß es durchaus machbar ist, sobald man seine innere Unruhe erstmal "kanalisiert" hat, also - und das soll dieser Bericht bewirken - die Ängste in den Orkus verbannt und weiß, daß keine großen Schmerzen damit verbunden sind.

Wem es also nicht mehr in seiner Haut gefällt, sollte diesen Schritt beruhigt tun, denn alt werden wir alle sowieso täglich, muß man deshalb aber auch äußerlich "so" aussehen?
In Amerika und England sind Gesichtsstraffungen seit Jahren selbstverständlich, so selbstverständlich, wie man zum Zahnarzt geht . . .
also, warum nicht auch bei uns?


Das Alter kommt, ganz ohne Fragen - wie viele "Lenze" wir auch tragen, nur fröhlich muß man dabei sein - und s'hilft da bei der "äuß're Schein".

© by Hella Rodewald, Rottweil
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