Lory Warmeling


Retrospektiven

Wo ist ein Mensch,
der  von sich sagen kann,
er hätte nichts zu bereuen?

Elise Lensing
an Hebbel 1853


An diesem kalten regnerischen Novembertag war es im Strahleninstitut in der Friedrichstraße besonders ungemütlich.

In der weiten Halle saßen die Patienten, bemüht, nicht miteinander ins Gespräch zu kommen. Es war wie in allen Wartebereichen, man nahm sich wahr, registrierte jeden Neuankömmling, mochte aber nähere Kontakte nicht aufnehmen.

Die Atmosphäre war von einer Kühle, die etwas Unmenschliches hatte.

Daran änderte auch die Geschäftigkeit der rundlichen Assistentinnen in ihren superkurzen weißen Kitteln nichts, die pausenlos von Raum zu Raum liefen, Namen aufriefen, Röntgenbilder stapelten und offensichtlich in keiner Weise von all dem berührt wurden, das sich hier abspielte.

Komisch dachte Lisa, wieso sind eigentlich alle drei derart mollig?

Sie kam nun seit einem Jahr alle drei Monate zu den vorgeschriebenen Kontrolluntersuchungen, doch immer gehörten die Damen an der Anmeldung, obwohl sie ständig wechselten, zum Typ üppige Blondinen.

Wer immer sie einstellte, schien ein echtes Faible für ausladende Formen zu haben.

ER war müde, als er das Wartezimmer betrat; hatte sich auf mindestens eine Stunde Wartezeit eingerichtet, aber das half ihm jetzt nicht viel. Er schwitzte wieder.

Seit er dieses Medikament einnehmen musste, hatte er zugenommen und schwitzte bei der geringsten Anstrengung. Das war mehr als peinlich, egal, wo es passierte, und je mehr er dieses Schwitzen zu unterdrücken suchte - es wurde eher schlimmer.

Er atmete erleichtert auf, als er auf einem Stuhl Platz nehmen konnte; musterte die Umgebung, wischte sich wieder einmal verstohlen den Schweiß von der Stirn und betrachtete die Leute, die mit ihm zusammen auf ihre Behandlung warteten.

Sein Blick blieb auf der Frau haften, die ihm direkt gegenüber saß. Da war sie ja wieder.
Eine ausgesprochen hübsche Person, etwas mollig vielleicht, aber dieses Gesicht...
Gerade und ebenmäßig geschnitten, schienen sich Schönheit und Weisheit in ihm zu vereinen.

Eine seltene Mischung! dachte er, irgendwie ungewöhnlich.

Heute aber hatte er einen besonderen Grund, sie gründlicher zu betrachten, als bei den bisherigen zufälligen Treffen in diesem Raum.

Er wusste, sie kam schon ebenso lange hierher wie er, auch sie würde also einer der Kandidaten sein, die alle drei Monate in dieser verfluchten Praxis auf so was wie die erneute Freisprechung, oder aber auf das Todesurteil warteten.

Das brachte sie einander unweigerlich näher, so empfand er es.

Seit Januar aber wusste er, sie hatte einen schreibenden Beruf. Das hatte sich aus einer Unterhaltung mit einer anderen Patientin ergeben, die er zufällig mit anhörte.

Er war fest entschlossen, sie diesmal anzusprechen, es schien ihm wie ein Wink des Schicksals, dass gerade diese Frau, die sicher in der Lage sein würde, seine Situation voll zu erfassen, ihm hier und jetzt begegnet war.

Er würde seine Chance zu nutzen wissen.

Sein Männerblick stellte anerkennend und irgendwie zufrieden fest, dass auch sonst alle weiblichen Attribute, die einen Mann erst als Mann reagieren lassen, wunderbar bei ihr verteilt waren.

Es gelang ihm nur mühsam, seinen Blick von ihr abzuwenden, aber er war sich in jeder Sekunde ihrer Anwesenheit in dem großen Raum bewusst.

Scheiße! Er fluchte innerlich: War er nicht schon längst über den Punkt hinaus, auf derart primitive Art Weiblichkeit wahrzunehmen? Hatte er denn nicht tausend Gründe gehabt, schon vor Jahren seine Libido in ihre Grenzen zu weisen? Hatte er nicht in seiner Zuwendung zur Philosophie die Erfüllung gefunden, die ihm in seiner Ehe versagt geblieben war?
Und jetzt das?
Er schüttelte unmerklich den Kopf: nein, so fängt es immer an, und das letzte, was ich brauchen kann, sind neue Ketten, neuer Beziehungsstress, eine neue Gefangenschaft! Seine gescheiterte Ehe war der beste Beweis für Nietzsches Theorie, wonach es in jeder Ehe zuviel Liebe und zuwenig Freundschaft gibt! Wer vermag schon Liebe zu erklären? Und trotzdem baut man auf ihr eine Beziehung auf - das muss ja scheitern! Man sollte die Ehe verbieten und alle bestehenden Ehen wegen Unzurechnungsfähigkeit der Beteiligten annullieren! Wenn es überhaupt so etwas wie echte Liebe gibt, kann sie sich nur in einer freien Beziehung entwickeln, davon war er überzeugt. Aber war es überhaupt möglich, dafür den richtigen Partner zu finden?
Er glaubte schon lange nicht mehr daran!

Aber welche Rolle spielte das alles schon jetzt, er brauchte sie, das war klar, aber er brauchte sie als Autorin, dass sie daneben eine attraktive Frau war, schien unerheblich.

Schade! Er seufzte leise, und sein Blick wanderte wieder zu der Frau gegenüber. Überrascht stellte er fest, dass sie ihn fast forschend anblickte, und dann huschte ein kaum erkennbares Lächeln über ihr Gesicht.
Er konnte nicht anders, erwiderte dieses Lächeln und nickte ihr leicht zu...

Das Prädikat Traumfrau passte wohl doch nicht so ganz.

Dafür war sie nicht mehr jung genug, er schätzte sie auf Ende 40. Die Fältchen um die Augen schienen jedoch nichts mit ihrem Alter zu tun zu haben, es waren die Zeichen eines heiteren und ausgeglichenen Charakters, er sah es, als ihr Blick den seinen traf und für Sekunden dieses Lächeln in ihren Augen erschien.

Lisa  hatte ihr Gegenüber im gleichen Moment wahrgenommen, als aus dem üblichen desinteressierten Rundblick in dem vollbesetzten Raum, mit dem Jeder Jeden zu betrachten pflegte, männliche Aufmerksamkeit wurde.

Sie kannte diesen Blick, hier allerdings, obwohl auf die gleiche Weise intensiv, schien es ihr, als erforsche dieser Mann sie auf eine sehr viel subtilere Weise. Es war eher, als versuche er, sie auszuloten. Seltsam und natürlich völlig unmöglich, sie musste sich getäuscht haben.

Sie erinnerte sich, ihn schon öfter hier gesehen zu haben, und immer hatte er geschwitzt.

Heute war es besonders schlimm, sie konnte erkennen, wie unangenehm ihm das war und bemühte sich, ihn nicht allzu eindringlich zu betrachten.

Er war groß, sie schätzte ihn auf etwas über 1.80, massiger Körperbau, dichtes dunkles Haar, das er hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, etwas ungewöhnlich für sein Alter, er mochte Ende 50 sein, oder auch unwesentlich jünger.

Der dichte, gepflegte Vollbart verbarg zuviel von seinem Gesicht, als dass sie hätte sagen können, er sei gutaussehend. Es waren die Augen, die auffielen: Dunkel wie Bergseen, schienen sie ihre Umgebung zu analysieren.

Na ja, sie lächelte, was sonst konnte man an diesem Ort schon tun, als Menschen, die einem stundenlang gegenüber saßen, unauffällig zu studieren.

Wer hierher kam, hatte mehr als eine simple Erkältung, und jeder wusste das.

Er wurde vor ihr aufgerufen; AHA, Cecil Buchanan, so hieß er also.

Außergewöhnlich für einen Bundesbürger, er musste Amerikaner sein.

Ihre Aufmerksamkeit war geweckt; in welchem der vielen Behandlungsräume würde er wohl verschwinden? Sie kannte sich inzwischen aus hier und wusste genau, wann ein Patient intensiver Strahlentherapie unterzogen wurde, oder zu einer der langwierigen Diagnoseuntersuchungen beordert war.

Diagnose also, damit rückte ihr der Fremde irgendwie wieder ein Stück näher, so seltsam das auch klang.
Er hatte also die gleichen Ängste durchzustehen, und das in immer wiederkehrenden Abständen.

Die Angst, irgendwann einmal würde dieses widerliche Gerät in dem Raum ein Rezidiv anzeigen und das ohnehin nur noch schwache Gerüst ihrer Widerstandskraft zertrümmern.

Die Vorstellung, diese immer wiederkehrenden Abläufe würden noch mindestens 5 weitere Jahre ihr Leben belasten, schien zuweilen unerträglich.

Lisa erhob sich und wollte zur Rezeption gehen, um sich ihren Folgetermin geben zu lassen, wurde aber am Ärmel gepackt und etwas unsanft zurückgehalten.

Es war der Mann, der sie so intensiv betrachtet hatte, der Amerikaner, sein etwas ungewöhnlicher Name war ihr schon wieder entfallen.

Fast unsanft schob er Lisa zum Ausgang. "Kommen Sie, holen Sie sich hier keinen neuen Termin, ich erkläre Ihnen alles draußen!"

Sie war total überrascht, wollte seinen Griff abwehren, denn immerhin würde sie gleich aufgerufen werden, sah aber dann sein entschlossenes Gesicht und folgte ihm blindlings.

Sie hätte nicht sagen können, woher diese plötzliche Bereitwilligkeit kam, sich seiner Führung anzuvertrauen. Es war ansonsten so gar nicht ihre Art, sich dirigieren zu lassen, doch dies, obwohl es einer Überrumplung gleichkam, weckte ihre Neugier.

Er sah aus, als sei in diesem Behandlungsraum etwas Entscheidendes passiert, etwas, das auch sie anging.

Wie seltsam, sie vertraute der Urteilskraft eines völlig Fremden, schloss sich ihm ohne lange Überlegung an, und, ebenso erstaunlich: Sie stellte ihre Handlungsweise keinen Moment in Frage, ebenso wenig wie seine!

Gleichzeitig wusste sie aber, dass diese eher rationale Erklärung für ihre Nachgiebigkeit nicht die einzige war. Ein Blick in diese dunklen, intelligenten Augen und sie spürte das, was sie innerlich immer "das Urvertrauen" genannt hatte, ein Gefühl, das sie nach ihrer Kindheit zwar nie wieder empfunden hatte, von dem sie aber immer wusste: es existiert!

" Kommen Sie!" Er hielt noch immer ihren Arm im festen, unnachgiebigen Griff, entschlossen, sie sofort aus dieser Praxis hinauszubringen.

"Ja, wollen Sie denn nicht?" Er unterbrach sie schnell als sie versuchte, sich von ihm zu lösen;

"Nicht hier, suchen wir uns einen Ort, wo wir miteinander reden können, das Café gegenüber!"

Mit ihrem Widerspruch schien er erst gar nicht zu rechnen.

Das kleine Café war nur schwach besucht, und er ging ihr schnell voraus in eine kleine Nische neben der Kuchentheke.

"Zwei Kaffee", sagte er im Vorbeigehen zu der Bedienung und Lisa dachte amüsiert: Welch ein rationaler Mensch, er verliert keine Zeit, was immer er auch vorhat.

"Ich muss Ihnen vorkommen", er unterbrach sich, "nein, das trifft es nicht, kommen wir sofort zur Sache, diese Praxis wird in aller Kürze geschlossen werden. Ich habe im Nebenraum mitbekommen, dass der Leiter der Einrichtung ein Telefonat geführt hat, das ich höchst alarmierend empfinde. Jemand - ich schlussfolgere, es handelte sich um eine Behörde - hat diesem Oberguru mitgeteilt, dass sein Strahlungsgerät falsch eingestellt sei. Ich konnte deutlich mithören, denn er hatte die Freisprechanlage eingeschaltet und wusste offensichtlich nicht, dass ich bereits im Nebenraum wartete. Der genaue Wortlaut dieses Gespräches war alarmierend. Der Teilnehmer am anderen Ende sagte wörtlich *Die Tests sind nicht zu Ihren Gunsten ausgegangen, es wurden unglaubliche Überdosierungen verabreicht, die Todesfälle gehen eindeutig zu Lasten Ihres Hauses.*"

"Cecil Buchanan, das ist Ihr Name?", sagte Lisa Domin und sah ihn an, als habe sie seine Worte nicht verstanden.

"Stimmt," sagte er kurz und schien nicht sonderlich verwundert, dass sie wusste, wer er war.

"Hat man Sie dort bestrahlt?" Lisa sah ihn fragend an.

"Nein, hat man nicht, noch nicht, aber ich hatte das Gefühl, als müsse ich Sie aus einer Gefahrenzone bringen." Als er das sagte, schien ihm zum erstenmal aufzufallen, wie seltsam er sich verhalten hatte, als er sie und niemanden sonst aus dem immerhin vollbesetzten Wartebereich entführt hatte. Er sah sie an und begann erneut zu schwitzen. Man sah ihm an, dass er begann, seine Spontaneität zu bedauern.

"Nein, nicht!" Lisa legte ihre Hand auf seinen Unterarm und sah ihn fast beschwörend an. "Es war richtig, was Sie getan haben, ich war zwar nicht zur Bestrahlung bestellt, aber ich weiß nie, wann es dazu kommen wird. Es war richtig!" wiederholte sie fast beschwörend, und ihre blauen Augen ließen ihn nicht los.

Aufatmend wischte er sich die Stirn ab und sah sofort weniger beunruhigt aus.

"Sie müssen nichts erklären." Lisa war noch immer bemüht, ihm die Sorge zu nehmen, er könne sich ihr unerwünscht genähert haben.

"Dies war sehr wichtig und ich kann Ihnen nicht genug für Ihre Fürsorge danken!"

"Es war wohl wenig rational," sagte er, sah aber nicht so aus, als sei es dies, was er ausdrücken wollte, "zuweilen gebe ich meinem Instinkt nach, und der riet mir, nicht einfach dort zu verschwinden, sondern Sie mitzunehmen. Den armen Leuten, die dort bereits mit zu hohen Dosen bestrahlt wurden, ist jetzt nicht mehr zu helfen, und neue Vorfälle dieser Art wird es ohnehin nicht geben." Seine dunklen Augen ließen sie nicht los. "Sind wir im gleichen Boot?" Er sah sie fragend an.

" Ich denke ja." Sie wusste sofort, was er meinte.

"Seit wann wissen Sie es?" Er sprach mit ihr, als sei es unnötig , diese Frage zu spezifizieren.

" Drei Jahre jetzt." Sie zögerte nicht, ihm mit der gleichen Offenheit zu begegnen, es kam ihr gar nicht in den Sinn, seine Frage als zudringlich zu empfinden. "Drei Jahre Hoffnung, es kommt zu keinem Rückfall, aber auf der sicheren Seite werde ich wohl nie wieder sein."

Sie sagte das ohne jede Spur von Selbstmitleid, als beschreibe sie eine Tatsache schnörkellos und ohne Theatralik.

"Verdammte Krankheit - tückisch wie eine Spinne mit dem Blick auf ihre Beute!" Er lachte kurz und bitter.

"Aber sie wird mich nicht niederknüppeln!" Seine Stimme wurde zornig. "Ich werde die Zeit noch nutzen, egal wie es sich entwickelt!"

"Um was zu tun?" Ihre Frage war kurz, aber von seltener Eindringlichkeit.

Er zögerte keinen Augenblick. "Ich habe etwas aufzuarbeiten, etwas zu sagen, bevor ich gänzlich verstummen werde, es ist wichtig, für mich ebenso wie für meinen Sohn, der vieles an seinem Vater dann vielleicht besser verstehen wird, als es ihm heute möglich ist."

"Sie sind Schriftsteller?" Sie schien etwas erstaunt.

"In diesem speziellen Zusammenhang wäre ich das wohl gern, es würde mir die Mühe ersparen, nach einem geeigneten Ghostwriter zu suchen, der dann vielleicht das, was ich wirklich sagen will, dennoch nicht ausdrücken kann." Er grinste sie schief an.

"Und was machen Sie?" Er schien ablenken zu wollen.

"Ich schreibe." Ihre Augen lachten.

"Ich weiß," sagte er zu ihrem Erstaunen, "aber ich weiß nicht, in welchem Bereich, genau das aber ist mehr als wichtig für mich."

Ehe sie ihrem Erstaunen Ausdruck geben konnte fuhr er fort: "Denken Sie jetzt nicht, die Geschichte mit der Überdosierung in der Praxis sei lediglich erfunden, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Nichts dergleichen, es würde ja auch unweigerlich auffallen.

Nein, das stimmt schon alles, nur war es für mich die Tür, die ich auch ohne diesen Vorfall unweigerlich geöffnet hätte. Mit anderen Worten: Seit ich weiß, Sie haben im weitesten Sinne etwas mit Schreiben zu tun, war mir klar, ich muss unter allen Umständen eine Frage an Sie stellen, deren Beantwortung von großer Wichtigkeit für mich ist."

"Sie machen mich mehr als neugierig... als Erstes, ich bin Essayistin, arbeite freiberuflich für verschiedene Magazine - aber was hat das alles mit Ihrer Frage zu tun?"

"Heißt das, Sie könnten je nach Auftragslage frei über Ihre Zeit verfügen?" Seine Stimme wurde immer eindringlicher.

"Na ja, so kann man's sehen, müsste aber dabei natürlich immer meinen Kontostand im Auge behalten und die Tatsache, dass längere Schreibpausen nicht ins Konzept passen." Sie sah ihn aufmerksam an.

Er machte eine abwehrende Handbewegung. "Das versteht sich wohl von selbst. Würden Sie also erwägen, einen Auftrag anzunehmen, der nicht unbedingt in den Bereich Essay oder Kolumne passt? Meinen Auftrag, zu Ihren Konditionen?" Er wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn.

"Dazu muss ich wissen, worum es geht, ich bin nicht an irgendwelchen statistischen Aufzeichnungen interessiert."

"Nichts dergleichen." Er zögerte nur kurz und entschied sich dann für vollkommene Offenheit.

"Es geht darum, bestimmte Ereignisse aus meinem Leben in die passende Form zu bringen. Sie nicht etwa zu Gunsten guter Formulierungen zu verfälschen oder gar zu verharmlosen, aber dennoch für einen bestimmten Leser – der mir außerordentlich wichtig ist – erklärbar zu machen, ohne ihn mehr als nötig zu beeinflussen."

"Das birgt jede Menge Konfliktstoff, Sie wissen das, oder?

Ich erkläre es Ihnen. Nehmen wir an, Sie liefern mir die bloßen Fakten, nehmen wir weiter an, ich erkenne, auf welche Weise Sie diese Fakten, erzählerisch umgearbeitet, weitergeben wollen. Sogar dann werde ich nicht wissen, wie Ihr Verhältnis zu diesem bestimmten Leser derzeit ist, inwieweit er bereit ist, Ihnen zuzuhören und auch nicht, was für ein Mensch dieser Jemand ist. Also werde ich darauf angewiesen sein, dass Sie mir all dies offen sagen, denn ich muss beim Schreiben die Stimmung zwischen Ihnen beiden genau erkennen können. Das verstehen Sie doch?"

Sie sah ihn eindringlich an. "Ich möchte nicht, dass es zu Unstimmigkeiten zwischen Auftraggeber und Autor kommt, weil Sie irgendwann feststellen, dass meine Art zu schreiben nicht das ist, was Sie brauchen."

"Das Risiko gehe ich ein, denn es wird keines sein, da bin ich sicher."

"Bitte verstehen Sie mich", er griff nach ihrer Hand, "es hängt ganz von der Entwicklung in einem dieser Strahlenschuppen ab, ob das, was Sie schreiben werden, überhaupt in nächster Zeit seinen Empfänger erreichen wird. Es kann ebenso gut sein, ich habe Gelegenheit, all das, was so schwer zu schreiben ist, mündlich anzubringen. Betrachten Sie es also als eine reine Vorsorgemaßnahme. Wenn es nicht allzu theatralisch klingt: Es ist ein Vermächtnis."

Die beiden Menschen saßen an diesem ereignisreichen Tag noch lange Zeit beieinander; und als sie sich endlich trennten, wussten beide, es hatte ein neuer Zeitabschnitt begonnen - dies würde ungleich mehr werden als eine bloße Zusammenarbeit.

* * *



Der erste Schwung von Cecil Buchanans Aufzeichnungen traf noch am gleichen Abend als Attachment zu einer Email bei Lisa Domin ein.

Sie druckte die Seiten sofort aus, und machte es sich auf dem breiten Sofa bequem. Jetzt galt es, sich einzufühlen.
Sie las, blätterte, ging wiederholt zurück in den Aufzeichnungen, die ungeordnet waren und wusste sofort: Hier galt es, nicht zu übertreiben! Wenn sie ein Schicksal deutlich machen musste, das so von dem eines Normalbürgers abwich, dann musste das ungekünstelt und ohne Pathos geschehen. Die Ereignisse sprachen für sich:


Aus den Aufzeichnungen des Cecil Buchanan:

Vorgeschichte:
Die meiste Zeit in seiner Kindheit verbrachte Cecil auf der Straße. Abgesehen davon, dass seine Eltern nicht da waren wie die anderer Kinder, war er nicht anders als seine Spielkameraden: genauso wild und ungestüm, immer dort, wo etwas los war, und wenn es ihm mal richtig schlecht ging, wenn er mal verprügelt wurde oder andere Probleme hatte, die man als junger Mensch mit seinen Eltern gemeinsam löst, vertraute er sich einem alten Stofflöwen an, den ihm seine Mutter mal geschenkt hatte und den er behalten sollte, bis er 19 war.

Mit 11 Jahren war es mit der Straßenfreiheit vorbei, und Cecil wurde in ein Internat gesteckt. Hier war er mehr oder weniger ein Sozialfall, denn der Besuch dieser Eliteschule wurde von der Stadt finanziert, und die bezahlte kein Taschengeld.

Die Kinder der Reichen machten sich anfangs einen Spaß daraus, Cecil diesen sozialen Unterschied spüren zu lassen – und sie trafen ihn wirklich. Cecil sah sich gezwungen, auf andere Art Anerkennung zu bekommen, und nach etwa einem Jahr gelang es ihm. Zunächst durch hervorragende Leistungen im Sport, in der Schule, und schließlich durch seinen Umgang mit den Padres: er machte den Mund auf und gefiel sich zusehends in der Rolle des Rebellen, und bald sprach keiner mehr davon, dass der internatsinterne Kontostand, der einmal im Monat laut im Studiersaal vorgelesen wurde, bei Cecil immer ein dickes Minus aufwies und jedes Mal für Gelächter gesorgt hatte.

Nach einigen unschönen Differenzen mit den Padres während der Messe und im Refektorium legten Cecil und sein Freund aus der Oberstufe, Kurt, in einer Nacht- und Nebelaktion den Innenhof des Internates mit Toilettenpapier aus, nachdem sie in die Vorratsräume eingebrochen waren. Es gab ziemlich starke Tumulte und in der Folge ein erstes Treffen zwischen schnell eingesetzten Vertretern der Schülerschaft und den Padres, dessen Ergebnis einige Erleichterungen für die Oberstufe waren; so wurde beispielsweise ein Aufenthaltsraum eingerichtet, in dem man Musik hören durfte und in dem Getränkeautomaten aufgestellt wurden, und einige Padres wurden aus dem pädagogischen Bereich entfernt.

Cecil und Kurt jedoch bekamen einen großen Tadel und in Aussicht gestellt, beim nächsten geringsten Fehler vom Internat zu fliegen.

Ein Jahr später gab es die Chance zur Rehabilitierung, als Cecil und Kurt bei der Weihnachtsfeier vor versammelter Elternschaft über ein biblisches Thema referieren sollten. Sie sagten zu, referierten jedoch über die Theorien Erich von Dänikens, dessen erstes Buch in diesem Jahr erschienen war und das beide mit Begeisterung gelesen hatten. Natürlich war das nicht mit der Internatsleitung abgesprochen worden, wohlweislich, denn eine Ablehnung des Themas "Die Götter waren Außerirdische" wäre absolut sicher gewesen.

Es fehlte nicht viel, und einige Padres hätten während des Vortrages die Bühne der Aula gestürmt, aber die Reaktion der anwesenden Elternschaft war durchaus nicht nur ablehnend; trotzdem wurden Cecil und Kurt nach diesem neuerlichen Affront endgültig aus dem Internat gefeuert.

Kurt setzte sich, nach einer kurzen Liason mit Cecils Schwester bei einem Trip durch Südfrankreich den Goldenen Schuss, und Cecil baute doch noch sein Abi.

Die entscheidenden Jahre
Die intellektuellen Kreise, in denen sich Cecil nach dem Abitur bewegte, waren erschüttert durch das Massaker bei der Olympiade in München. Eine Welle der Hilfsbereitschaft und der Sympathie für Israel in seinem Kampf gegen die übermächtigen Araber setzte ein.

Cecils Berufswunsch Journalist zerschlug sich aufgrund akuten Geldmangels, und so kam der Musterungsbescheid gerade recht. Cecils Traum, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Pilot zu werden, scheiterte an einer geringen Sehschwäche des rechten Auges; da er aber sonst körperlich und geistig topfit war und sich für 4 Jahre verpflichtete, wurde er einer Kampfeinheit zugewiesen.

Er genoss eine hervorragende Ausbildung und wurde später im Rahmen eines internen Austauschprogrammes einer U.S.-Einheit zugeteilt. Mitentscheidend für die Wahl Cecils war sein amerikanischer Vater und Cecils perfektes Englisch.
Hier war er zum erstenmal  richtig glücklich, weil er so etwas wie ein Zuhause hatte, wusste, wo er hingehörte. Er wurde mehr als akzeptiert, und auch wenn er einige Probleme mit den Gepflogenheiten des militärischen Lebens hatte, so hatte er doch einen Platz, an dem er sich wohlfühlte, hatte gute Kameraden und die Illusion einer wichtigen Aufgabe: der Friedenssicherung. Sein sonst wacher Intellekt war getrübt durch Erfolg und Anerkennung, außerdem bewegte er sich in dem Bereich, in dem auch sein Vater früher war, und das war vielleicht sogar der wichtigste Aspekt für ihn; denn obwohl er ihn nie gesehen hatte, wusste er alles über ihn und liebte ihn abgöttisch, und hier schien er ihm irgendwie nahe zu sein.

Das vermeintliche Glück hielt jedoch nicht lange an. Bei der Bewachung nuklearer Gefechtsköpfe wurde durch einen Materialfehler Strahlung freigesetzt. Betroffen waren Cecil und drei weitere Kameraden: Sie bekamen im Oberkörperbereich geballte Strahlung ab. Es folgte eine umfassende medizinische Untersuchung. Bei Cecil wurden schwere innere Verbrennungen und Perforationen festgestellt, an allen lebenswichtigen Organen samt Peripherie. Eine Heilung war nicht möglich, und Cecil begriff das erst, als die ersten krampfartigen Schmerzanfälle einsetzten.

In einer Sterbeklinik bei Hamburg wurde er psychologisch betreut und unter Medikamente gesetzt, die dann Schmerzen linderten – aber offenbar war Cecils körperliche Konstitution zu gut, und anscheinend war er auch mental nicht bereit, sich damit abzufinden. Zur Überraschung des medizinischen Fachpersonals begann Cecils Körper, wie verrückt Endorphine zu produzieren, die inneren Mutationen stoppten, und Cecil ging es zusehends besser. Die Schmerzkrämpfe hörten zwar nie ganz auf, waren aber für ihn das geringste Problem. Er war zwar nicht mehr so fit wie früher, aber immerhin so fit wie viele seiner gesunden Altersgenossen.

Cecil wurde aus dem Militärdienst entlassen, nicht ohne sich vorher verpflichten zu müssen, nie über das Geschehene zu reden.

Was aus seinen drei Leidensgenossen wurde, hat Cecil nie erfahren können; das Militär hat da eigene Mittel und Wege.

Cecil stand wieder auf der Straße, mit leeren Händen und ruinierter Gesundheit. Zwar hatte er eine kleine Abfindungszahlung bekommen, aber die schmolz schnell dahin für das Notwendigste, und es bot sich für ihn keine vernünftige Alternative. Wenn er auch halbwegs wieder genesen war, wusste er, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die irreparablen Schäden der Organe ihren Preis forderten. Eine Liste von Ärzten, denen er sich offen anvertrauen durfte und die man ihm mitgegeben hatte, wurde zu seinem wichtigsten Utensil.

In jener Zeit gab es erneute Gerüchte über einen bevorstehenden Konflikt in Israel, und Cecil hatte noch von früher einige Kontakte zu Kreisen, die sich die Unterstützung dieses kleinen Staates zum Ziel gesetzt hatten. So fügte sich für ihn Eins und Eins zusammen, und als Resultat stand die Erkenntnis: wenn seine Zeit schon begrenzt sein würde, dann sollte sie sinnvoll sein. Dass ihm im Falle eines schnellen Todes jahrelange Qualen erspart bleiben würden, nahm er dabei nur allzu gerne in Kauf.

Anmerkung:
Viele Begebenheiten und Einstellungen sind unter dem Aspekt der damaligen Umstände zu sehen. Dass die Schilderung für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist und befremdend anmutet, verwundert nicht, deswegen hat Cecil bis jetzt niemals darüber gesprochen. Auch die noch folgenden Begebenheiten sind viel zu ungewöhnlich für einen Außenstehenden oder Nicht-Betroffenen, als dass er sie nachvollziehen könnte, deswegen ist Cecils Schweigen gerechtfertigt.

Seinerzeit jedoch, in Cecils Umfeld, waren diese Dinge völlig normal, und was passierte, einfach nur folgerichtig.

Jeder gewaltsame Konflikt bringt Töten und Getötetwerden zwangsläufig mit sich. Es ist ein unmenschliches Geschäft, aber immer noch allzu normal, leider. Wenn Cecil auch heute eine völlig andere Ansicht darüber hat – damals sah er die Sache ziemlich kühl und rationell. Die Geschichte von Cecil ist die Geschichte von Hunderttausenden junger Menschen jener Zeit, in Wirklichkeit überhaupt nicht außergewöhnlich; es mag nur der Eindruck entstehen, wenn man Cecil heute kennt und damit selber zum Betroffenen, zum Mitspieler oder Mitwisser im weitesten Sinne wird.

Cecil ist nie ein Held gewesen – aber er war auch niemals feige.

Unter dem Gesichtspunkt dieser Anmerkung sollten die folgenden Begebenheiten gesehen und eventuell verstanden werden!

Die Schießerei
Es war für Cecil nicht weiter schwer, den Zugang zu paramilitärischen Kreisen zu finden und von dort aus zu den Kontakten, die den Weg nach Israel öffneten. Nahezu in jeder israelischen Botschaft gab es einen Verbindungsmann, der Ansprechpartner für die jungen Idealisten war, die für die Freiheit dieses kleinen Volkes kämpfen wollten und die dafür die Voraussetzungen hatten.

Der Offizier des Mossad, mit dem Cecil das Aufnahmegespräch führte, war zunächst äußerst skeptisch, denn Cecil sah aus wie ein lebender Leichnam. Aber anscheinend gefiel ihm seine Einstellung. Er entschuldigte sich, nachdem er Cecils Namen und Daten hatte, und kehrte erst nach einer geraumen Weile wieder in den kleinen, karg eingerichteten Raum zurück. Cecil wurde den Eindruck nicht mehr los, dass besagter Offizier jetzt über seine militärische Vergangenheit bestens unterrichtet war!

* * *



Die Israelische Armee war dankbar für jeden Freiwilligen, denn auch sie hatte anfangs hohe Verluste zu beklagen während des Jom-Kippur-Krieges und war froh, die Gefallenen aus den paramilitärischen Milizen ersetzen zu können. So konnte die strategische Struktur erhalten werden, die sich über die Jahre durchgesetzt hatte und sehr erfolgreich war.

Die Freiwilligen gehörten dieser Miliz an und waren offiziell kein Bestandteil der Israelischen Armee. Nach einer Woche Akklimatisierung und Einführung in die Waffensysteme erfolgte die Zuweisung zu den Kampfeinheiten.

Cecil wurde mit einem Amerikaner und einem Neuseeländer einer Einheit zugeteilt, die Teile des Suez sichern sollte.

Kleinere Gefechte und Scharmützel waren an der Tagesordnung, und es kam der Tag, an dem auch Cecil seine ersten Gegner erschoß. Es war ein anonymes Sterben, und es kam nie ein schlechtes Gefühl auf, auch nachdem die Toten gesichtet wurden.

Cecil scherte sich einen Dreck um die eigene Sicherheit im Gefecht, irgendwie hoffte er immer auf die schnelle Kugel – die ihn endlich erlösen und seinem unausweichlichen Tod einen Sinn geben sollte.

Das blieb nicht verborgen, und bald genoss er deswegen einen legendären Ruf. Nur er wusste, dass das nichts mit Tapferkeit zu tun hatte, sondern mit einem endgültigen Fatalismus; und einige der Offiziere schienen davon zu wissen.

Für Cecil lief diese Zeit eher wie in einem Film vorbei. Die Krämpfe wurden berechenbar, und er sorgte dafür, dass sie keiner mitbekam.

Er meldete sich freiwillig auf jede Streife, für jede Strafaktion und für jeden Aufklärungsgang, und dass er dabei tötete, wurde zum Alltag. Er tötete in dem Maß wie er hoffte, getötet zu werden, deswegen schien seine Rechnung immer zu stimmen.

Bis auf jenen Tag...
In einem kleinen Ort nahe des Suez wurde ein Freischärlernest vermutet. Cecils Gruppe hatte diesbezügliche Informationen vom Mossad bekommen. Es war ein Routineauftrag, dieses Nest auszuheben, und die waffenmäßige Überlegenheit wie die Erfahrung machten aus dieser Aktion kein größeres Problem.

Es war schon dunkel, als Cecils Gruppe den kleinen Ort erreichte. Bei solchen Aktionen schlich man nicht, man polterte, um seine Stärke zu zeigen.

Cecil kontrollierte mit einem jungen Israeli und dem Neuseeländer eine kleine Seitenstraße, als sie plötzlich beschossen wurden. Man konnte nicht viel sehen, aber das Mündungsfeuer des Gegners war klar auszumachen, und man feuerte zurück.

Cecil hörte neben sich, wo Carl, der Neuseeländer lag, ein hässliches Geräusch, und im fahlen Licht des Mondes sah er in Carls Gesicht ein riesiges Loch klaffen; der Junge musste auf der Stelle tot gewesen sein.

Cecil und Izaak feuerten auf die Mündungsfeuer, mehr war vom Gegner nicht zu erkennen, abgesehen von ein paar dunklen Schatten vor dunklem Hintergrund; Cecil schoss und schoss und sah diese Schatten fallen, wenn er getroffen hatte, und er schoss weiter, und er sah sie weiterfallen.

Cecil und Izaak wunderten sich: Der Gegner verhielt sich außergewöhnlich, suchte keine Deckung, wechselte nicht die Position, blieb statisch – und so wurde es beinahe wie auf dem Schießstand; es war so einfach, lediglich Carl schien es erwischt zu haben...

Nach ein paar Minuten gab es keinen Gegner mehr. Der Rest der Einheit raste mit Jeeps und MTWs heran, und die ganze Szenerie wurde bald in grelles Licht getaucht; und im Scheine dieses Lichtes ging es an die Aufnahme der toten Gegner, und nicht nur für Cecil wurde dies ein Schock fürs Leben:

Auf der Straße lagen 17 tote Jungen im Alter von vielleicht 13 – 16 Jahren in Militäruniformen...

Cecils Trefferquote war immer hoch gewesen, diesmal auch...

Bleibt zu erwähnen, dass dieses "Massaker" in der Presse ausgeschlachtet wurde;

Bleibt zu erwähnen, dass 4 Tage später der Zwischenfall mit Brady passierte; aber das ist wieder eine andere Geschichte, auch sie wird eines Tages erzählt werden.
Bleibt zu erwähnen, dass Brady NICHT der Grund für Cecils Aufgabe war...
 

Nach seiner Rückkehr Mitte Dezember 1973 nach Deutschland startete Cecil einen Trip durch den Südosten Europas, bei dem er hoffte, das Erlebte irgendwie vergessen zu können und auf dem er im Januar 74 seine spätere Frau kennen lernte; schon 9 Monate später war er Vater ... und auch wenn er Leben in die Welt setzte, das er vorher anderen genommen hatte: Vergessen kann er bis heute nicht.

Die Schuld
Sie ist da, und sie ist allumfassend, sie ist ewig!

Nicht, dass er absichtlich auf Kinder geschossen hätte, das hätte er nie getan. Nicht, dass er den Krieg verherrlichte, das widersprach, so paradox das klingen mag, seiner Einstellung.

Die Schuld liegt in seinem eitlen Selbstverständnis, das letztlich zu dieser Tragödie führte.

Die Schuld liegt in der Unfähigkeit, rechtzeitig für andere Optionen zu sorgen, wenn etwas nicht funktioniert oder das Schicksal nicht den Erwartungen entspricht.

Die Schuld liegt im Verkennen dessen, was Militarismus wirklich bedeutet; und die Schuld wird dadurch größer, dass Cecil durchaus den Intellekt zu dieser Erkenntnis hatte.

Nachtrag
Die Geschichte von Cecil ist erzählt, und er bedauert, dass es nicht die Möglichkeit gibt, dass sich dieses Dokument nach dem Lesen selbst zerstört.

Außer Cecil selber weiß nun ausschließlich der Leser dieser Zeilen, was Cecil zu dem machte, was er heute ist.

Cecil erwartet kein Verständnis; und er wird keine weiteren Fragen beantworten. Die Niederschrift dieser Zeilen hat ihn schon mehr gekostet, als sich ein Außenstehender vorstellen kann!

* * *



Aufatmend legte Lisa die Blätter beiseite und wusste, hier wäre jeder Versuch, die Ereignisse in eine literarisch anspruchsvollere Form zu bringen, zum Scheitern verurteilt.

Diese Geschichte brauchte keinen Rahmen, sie wirkte gerade durch ihre Einfachheit und Offenheit,  und wenn denn der wichtige Mensch, für den sie geschrieben war, auch nur einen Funken Gefühl für Cecil hatte, musste ihn das alles zutiefst berühren.

Lange starrte sie nachdenklich vor sich hin und dann wusste sie, wie sie ihrem Auftraggeber genau dies vermitteln musste.

Sie würde die Rolle des imaginären Empfängers übernehmen und ihm zeigen, wie die Wirkung seiner Beichte auf sie gewesen war.

Sekunden später schon saß sie am Computer und hämmerte in die Tasten:

Zum erstenmal habe ich bedauert, einen Menschen nicht einfach an der Hand nehmen zu können.
Ich wäre zu gern in der letzten Nacht mit Cecil zu meiner Lieblingsparkbank am Rheinufer gegangen, nicht einmal, um im Gespräch etwas aufzuarbeiten, denn dass dies nicht möglich ist, liegt auf der Hand.

Aber ich hätte Cecil  festhalten und Trauer ebenso zulassen können wie Tränen.

Sollte je wieder von Schuld die Rede sein, werde ich aufhören, dergleichen auf eine der mir bisher bekannten Ebenen zu verlagern, die Relationen würden nicht stimmen.

Wisse also nur, Cecil wird nicht abgelehnt, nicht von mir und ebenso wenig von dem Menschen, für den er diese Beichte geschrieben hat.

Er wird akzeptiert wie er heute ist, denn alles, was man gegen den Mann von damals sagen könnte, hat er sich längst bei tausend Gelegenheiten selbst gesagt.

Er kann aufhören, büßen zu wollen und davon ausgehen, dass niemand - nicht einmal die Toten von damals - eine Rache dergestalt wollten, dass seine Reue selbstzerstörend wirkt.

Das wäre in zu engen Kategorien gedacht.

Cecil wird mit all dem leben müssen, das ist sicher, und nichts wird es je auslöschen können, aber: Er hat das Recht, diese schrecklichen Ereignisse nach Außen zu tragen, um sie "mittragen" zu lassen.

Die selbst erwählte seelische Einsamkeit, die in dieser Nacht zum Vorschein kam, muss er nicht leben.

Ich hoffe, er weiß das, mehr noch, ich sehe, er begreift es gerade.

Alles Liebe - Lisa Domin......
 

In dieser Nacht erkannte sie, dass dieser Mann immer in der Lage sein würde, ihre Seele zu berühren und auch, dass sie nie aufhören würde, die seine erkennen zu wollen.

Im Norden der Stadt las der Mann ihre Zeilen und hoffte mit allen Fasern, die Zeit werde sich nicht als sein Feind erweisen und ihm erlauben herauszufinden, ob "Zwillingsseelen" wirklich existierten.

© by Copyright by Malory F.M. Lutz - L. Warmeling
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