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Demographischer Wandel
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Chance und Herausforderung für die Gesellschaft
Kaum ein Tag vergeht, an dem sich nicht irgendwo
in Deutschland ein Symposium mit der Thematik auseinandersetzt, eine neue Studie
oder zumindest ein aktueller Pressebericht das Schlagwort in der Titelzeile führt:
"Demographischer Wandel"
"Das Volk beschreiben"
Was ist eigentlich Demographie? Übersetzt aus dem Griechischen bedeutet
der Terminus soviel wie "das Volk beschreiben". Die Demographie als anerkannte
Wissenschaft beschreibt also, wie die Bevölkerung in Zahl und Struktur (z.
B. Alter, Geschlecht, Haushaltstypen) aufgebaut ist und wie sie sich durch demographische
Prozesse (z. B. Heirat, Haushaltsgründung, Umzug, Geburt, Tod) verändert
hat und sich zukünftig verändern könnte.
Im Werkzeugkasten, den die Demographen für diese Beschreibungen und Analysen
einsetzen, befinden sich unter anderem zahlreiche Kennziffern wie zum Beispiel
Durchschnittsalter, Geburtenraten oder Heiratshäufigkeit. Mit diesen Kennziffern,
die aus vorliegenden (empirischen) Registerdaten berechnet werden können,
ist eine objektive, vergleichbare und nachvollziehbare Bevölkerungsbeschreibung
und -analyse möglich. Soll der Blick jedoch in die Zukunft gerichtet werden,
so müssen Annahmen über die zukünftige Entwicklung der relevanten
Kennziffern formuliert werden: Wie verändern sich die Geburtenraten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten? Mit welchen Zuzugströmen ist zu rechnen? Es
handelt sich hierbei um Annahmen, die letztendlich auf Expertisen beruhen oder
von bestimmten Zielvorstellungen geleitet werden. Unterschiedliche Annahmen führen
zu unterschiedlichen Prognoseergebnissen und deuten somit die Unsicherheiten an,
die jeder Prognose anhaften.
Der Wandel des Bevölkerungsbestandes und dessen Struktur in Raum und Zeit
ist also schon immer das Kernthema der Demographie gewesen. Der zunehmend ins
Blickfeld der Öffentlichkeit rückende Terminus "Demographischer Wandel"
konzentriert sich innerhalb eines breiten Spektrums demo-graphischer Themen- und
Aufgabenfelder auf zwei systematische Veränderungsprozesse, die in wechselseitiger
Beziehung zueinander stehen und in nahezu allen industrialisierten Staaten beobachtbar
und messbar sind: die Schrumpfung und die Alterung des Bevölkerungsbestandes.
Allerdings ist insbesondere die Alterung der Gesellschaft keine neue oder gar
unvorhersehbare Entwicklung. Ganz im Gegenteil: Demographische Prozesse zeichnen
sich durch ihre ausgeprägte Trägheit aus. Das Bundesinstitut für
Bevölkerungsforschung in Wiesbaden formuliert dies mit der Aussage: "Der
demographische Wandel hat einen langen Atem"1 und weist darauf hin, dass der Alterungsprozess
bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann und im Verlauf
des 21. Jahrhunderts alle Länder der Welt in unterschiedlichem Ausmaß
betreffen wird.
In Deutschland wird der demographische Wandel seit über 150 Jahren durch
zwei teilweise sprunghaft verlaufende Entwicklungslinien gesteuert: An erster
Stelle ist der Rückgang der Geburtenzahl je Frau (Demographen bezeichnen
dies auch als zusammengefasste Geburtenziffer) zu nennen. Ende des 19. Jahrhunderts
bei ca. 4,7 Kindern je Frau liegend, sank das Niveau noch vor dem Ersten Weltkrieg
auf 2,9 ab.
Der "lange Atem" demographischer Prozesse
Der zweite nachhaltige Geburtenrückgang setzte Ende der 60er Jahre des
letzten Jahrhunderts ein, als die Zahl der Geburten je Frau sich innerhalb weniger
Jahre von ca. 2,5 auf 1,4 fast halbierte. In den nachfolgenden 35 Jahren hat sich
nicht mehr viel getan – bis heute pendelt die zusammengefasste Geburtenziffer
um ein Niveau von 1,4 Kindern pro Frau. Damit der Bevölkerungsbestand langfristig
stabil bleibt, müsste im Durchschnitt aber jede Frau 2,1 Kinder bekommen.
Anders ausgedrückt: Die Elterngeneration wird bei uns bereits seit einigen
Jahrzehnten nur noch zu zwei Dritteln durch die nachfolgende Kindergeneration
ersetzt. Die unmittelbare Folge für die gesamte Bevölkerungsentwicklung
liegt auf der Hand: Die Gesellschaft schrumpft und altert "von unten", bedingt
durch ständig abnehmende Geburtenzahlen.
Zusätzlich kommt der "lange Atem" demographischer Prozesse ins Spiel. Die
heute nicht geborenen Kinder fehlen morgen als mögliche Eltern – der Schrumpfungs-
und Alterungsprozess hat also eine sich selbst verstärkende Dynamik und kann
selbst durch den ohnehin höchst unwahrscheinlichen Fall sprunghaft ansteigender
Geburtenziffern in den nächsten Jahrzehnten nicht umgekehrt werden.
Außerdem hat sich die Lebenserwartung von Frauen und Männern im Verlauf
der letzten 150 Jahre in Deutschland verdoppelt. Die meisten Prognosemodelle gehen
davon aus, dass sich der Prozess einer zunehmend länger werdenden Lebenserwartung
auch in der Zukunft fortsetzen wird. Die dadurch bedingte "Alterung von oben",
also die Zunahme älterer u.v.a. hoch betagter Menschen, wird erst dann ihre
volle Dynamik entfalten, wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus den 60er
Jahren in die entsprechenden Altersklassen aufrücken.
Unsere Gesellschaft befindet sich also mitten in einer Epoche eines nachhaltigen
demographischen Umbruchs, dessen weitere Entwicklung im Wesentlichen bereits vorgezeichnet
ist. Den umlageorientierten sozialen Sicherungssystemen werden dadurch nach und
nach die Grundlagen entzogen, die für das langfristige Funktionieren dieser
Systeme vorausgesetzt werden müssen. Dies hat zur Folge, dass der Wohlfahrtsstaat
immer mehr in Frage gestellt wird. Entsprechende Reformbemühungen prägen
seit längerem die politische Diskussion.
Demographischer Wandel als Herausforderung
Auch die Kommunen sehen sich mit Blick auf die zukünftige demographische
Entwicklung vor enorme Herausforderungen gestellt, die hier nur ansatzweise skizziert
werden können. Tendenziell zurückgehende Einwohnerzahlen bedeuten tendenziell
zurückgehende Nachfrage an Infrastruktur (z. B. Wohnen, Schulen, Theater)
und Dienstleistungen (z. B. Versorgung, Entsorgung, Pflegedienste, Verwaltung)
– bei gleich bleibenden Fixkosten des Betriebs der Einrichtungen und Angebote.
Durch die Änderungen im Grundriss der Altersstrukturen kommt es aber zu massiven
altersspezifischen Verschiebungen der Nachfrage an Infrastruktur und Dienstleistungen,
die bei sämtlichen Bedarfsplanungen zu berücksichtigen sind. Vorausschauende
Bedarfsplanungen, Flexibilisierung der Infrastruktur, die Entwicklung neuer Nutzungsformen
(der Kindergarten als Begegnungsstätte für Jung und Alt) oder auch die
verstärkte Einbindung des Ehrenamts sind wichtige Elemente einer strategischen
Ausrichtung, die man als "defensiv" bezeichnen könnte. Gleichzeitig sollte
aber auch versucht werden, in einer offensiven Ausrichtung die zukünftige
demographische Entwicklung im Rahmen der Möglichkeiten zu beeinflussen. Die
Attraktivitätssteigerung innerstädtischer Wohngebiete, verbesserte Angebote
im Bereich der Kinderbetreuung, der Bildung oder auch der Gesundheitsinfrastruktur
und nicht zuletzt die Sicherung bestehender und die Schaffung neuer Arbeitsplätze
sind wichtige strategische Ansatzpunkte der Stadtentwicklung, die in diesem Zusammenhang
zu nennen sind. Dabei kann Koblenz als intaktes Oberzentrum in einer wirtschaftsstarken
Region von relativ günstigen Voraussetzungen für die Bewältigung
der anstehenden Herausforderungen ausgehen. Die Stadt Koblenz setzt sich intensiv
mit dem demographischen Wandel, seinen Auswirkungen und dem daraus resultierenden
Handlungsbedarf, mit dessen Risiken und Chancen auseinander. Der kommunalpolitische
Rahmen dafür wurde im November 2004 durch den Stadtratsbeschluss zur Bildung
eines Ausschusses "Demographische Entwicklung" gelegt. Für die Erstellung
demographischer Analysen und Bevölkerungsprognosen als Grundlage verschiedener
Bedarfsplanungen zeichnet die kommunale Statistikstelle der Stadt Koblenz verantwortlich.
Sollten Sie zu diesem Thema Fragen haben, stehen Ihnen die Mitarbeiter der Statistikstelle
der Stadtverwaltung Koblenz gerne zur Verfügung.
Dr. Manfred Pauly
Leiter der Statistikstelle der Stadt Koblenz
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